Svenja Rossig: "Ich dachte, ich verliere meine Freunde, wenn ich aufhöre zu trinken. Was wirklich passierte, überraschte mich. Ich verrate dir fünf ehrliche Erkenntnisse aus meinem Sober-Leben."
Der Moment, in dem ich beschlossen habe, keinen Alkohol mehr zu trinken, war unspektakulär. Keine Dramaturgie, kein Tiefpunkt, den ich heute dramatisieren könnte. Nur eine Entscheidung und danach eine Reihe von Erkenntnissen, auf die mich niemand vorbereitet hatte.
Fünf davon haben sich festgesetzt.
1. Die Menschen, die bleiben, sind die Richtigen
Meine größte Angst vor dem Aufhören war nicht die Langeweile auf Partys. Es war die Vorstellung, ins soziale Exil zu katapultieren. Die Person zu werden, die plötzlich nicht mehr dazugehört, weil sie kein Bier in der Hand hält, keinen Toast mittrinkt, nichts mehr zu feiern hat.
Was stattdessen passierte: ein Sieb. Die Verbindungen, die nur durch gemeinsames Trinken zusammengehalten wurden, haben sich aufgelöst und ich habe gemerkt, dass das in Ordnung war. Die Menschen, die mich mögen, mögen mich noch genauso. Und dazu kamen neue: Menschen, die einen ähnlichen Weg gehen oder zumindest verstehen, warum. Das soziale Exil hat nie stattgefunden. Der Kreis hat sich verändert, aber er ist nicht kleiner geworden.
2. Grenzen sind auf einmal sichtbar – und das ist gut so
Alkohol ist ein brillanter Weichzeichner. Er lässt Situationen erträglich erscheinen, die es eigentlich nicht sind, und lässt Grenzen verschwimmen, die eigentlich feststehen sollten. Ohne ihn fällt auf, wo man jahrelang über die eigenen hinweggegangen ist und warum.
Das eigene Wertesystem überarbeitet sich, wenn man aufhört, es mit Promille zu dämpfen. Was ich toleriere, was mich stört, was ich wirklich brauche. Das alles wird klarer. Manchmal unbequem klar. Aber das fühlt sich, rückblickend, nach einem fairen Tausch an.
3. Ich tanze immer noch auf den Tischen
Einer der hartnäckigsten Mythen rund ums Nüchternsein ist der, dass man ohne Alkohol langweilig wird. Dass man beim nächsten Fest steif in der Ecke steht, Mineralwasser nippt und innerlich auf den Moment wartet, endlich nach Hause zu dürfen.
Stimmt nicht. Ich bin ein ziemlich lebhafter Mensch und das war ich schon immer. Alkohol hat diese Energie weder erschaffen noch gepachtet. Er hat sie nur enthemmt. Was man drunk konnte, kann man sober – man braucht vielleicht ein bisschen länger, um in der Situation anzukommen. Aber man kommt an. Das war eine der beruhigendsten Erkenntnisse des ganzen Prozesses.
4. Für fast jeden Drink gibt es eine Alternative – und die ist oft richtig gut
Damit hatte ich nicht gerechnet. Der Markt für alkoholfreie Alternativen hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt, dass es heute kaum einen klassischen Drink gibt, für den es keine überzeugende Version ohne Alkohol gäbe.
Ein alkoholfreier Gin Tonic, der wirklich nach Gin Tonic schmeckt? Gibt es! Und wir haben uns damit ausführlich beschäftigt. Ein Rosé für den Sommerabend auf der Terrasse? Den gibt es auch. Selbst ohne fertige Alternative lässt sich mit gutem Tonic, frischen Kräutern und etwas Säure etwas bauen, das sich nicht wie Kompromiss anfühlt. Wer tiefer einsteigen möchte: Unser Artikel über alkoholfreien Gin Tonic zeigt, wie viel in der Kategorie alkoholfreier Alternativen inzwischen möglich ist.
5. Unser Verhältnis zu Alkohol ist grundlegend kaputt
Das ist die unbequemste Erkenntnis, also kommt sie zum Schluss.
Zigaretten haben Tumorbilder auf den Packungen. Alkohol hat Hochglanzwerbung, Instagram-Kampagnen und bunte Flaschen, die nach Freiheit und Lebensqualität aussehen. Das Produkt, das mehr Menschen in die Abhängigkeit treibt als fast jedes andere legale Mittel, wird mit enormen Budgets beworben und gesellschaftlich bis heute kaum hinterfragt, während die Entscheidung, keinen Alkohol zu trinken, immer noch oft als erklärungsbedürftig gilt.
Das fällt einem auf, wenn man rausgetreten ist. Nicht als Empörung, eher als ruhiges Staunen darüber, wie selbstverständlich das alles geworden ist. Und wie wenig Raum es in dieser Selbstverständlichkeit für andere Entscheidungen gibt.
Diese fünf Erkenntnisse sind meine und sie werden nicht jede Erfahrung abbilden. Aber wenn etwas davon klingt wie etwas, das du gerade durchmachst oder schon durchgemacht hast, findet sich bei @soberbrunchclub auf Instagram eine Community, die genau das kennt.
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