Hi Soberstar,
Sonntag, halb zehn, das Telefon liegt mit dem Display nach unten und du würdest am liebsten alle gestern verschickten Sprachnachrichten zurücknehmen. Die Gedanken kreisen, du hast ein schweres Herz und dein Hirn spult Szenen ab, die wahrscheinlich völlig harmlos waren. Welcome to Hangxiety: das mulmige, panikartige Gefühl nach einer Nacht mit Alkohol, das viele länger beschäftigt als der eigentliche Kater.
Das Wort ist ein Kofferwort aus "hangover" und "anxiety", und es taucht in der Wellness-Welt gerade überall auf. Bei uns auf Instagram landet kaum eine Story häufiger in den Antworten als die Frage, warum man sich am Montag so seltsam fühlt, obwohl objektiv eigentlich nichts Schlimmes passiert ist. Die Antwort ist weniger psychologisch, als die meisten denken, und sie hat überraschend viel mit Neurochemie zu tun.
Warum dein Gehirn am Tag danach Achterbahn fährt
Alkohol dockt im Gehirn an die GABA-Rezeptoren an, die für Entspannung zuständig sind, und drosselt gleichzeitig das aufputschende Glutamat-System. Das Resultat in der Nacht ist die altbekannte Lockerheit nach dem zweiten Glas. Sobald der Alkohol abgebaut ist, kippt das System ins Gegenteil: GABA fällt, Glutamat schießt hoch, und dein Nervensystem ist plötzlich überdreht, obwohl du eigentlich nur duschen und Brötchen kaufen willst. Diese Übersteuerung erzeugt Symptome, die deinem Körper sehr nah an einer Panikattacke erscheinen.
Hinzu kommt: Alkohol unterbricht den REM-Schlaf, lässt deinen Cortisolspiegel am Morgen ansteigen und entwässert dich. Drei Faktoren, die einzeln Stress auslösen und gemeinsam genau das Gefühl produzieren, das du am Sonntag als "ich-glaub-ich-bin-eine-schlechte-Person" interpretierst.
Did you know: Manche Menschen trifft es härter
Eine viel zitierte Studie der University of Exeter und des UCL aus dem Jahr 2018 hat untersucht, wer besonders empfindlich auf Hangxiety reagiert. Das Ergebnis: Schüchterne Menschen erlebten am Morgen nach dem Trinken einen deutlich stärkeren Anstieg von Angstgefühlen als extrovertierte. Die Forschenden fanden außerdem eine Verbindung zwischen Hangxiety und einem höheren AUDIT-Score, also einem Test, der riskanten Alkoholkonsum misst.
Quelle: Shyness, alcohol use disorders and 'hangxiety': A naturalistic study of social drinkers, Personality and Individual Differences, University of Exeter / UCL, 2018 — https://www.ucl.ac.uk/news/2018/dec/shy-people-more-prone-anxiety-during-hangovers
Übersetzt: Wer in sozialen Situationen ohnehin nervös ist und Alkohol als Lockerungsmittel einsetzt, zahlt am nächsten Tag oft doppelt zurück. Das ist die unangenehme Pointe, die kaum jemand auf dem Schirm hat, wenn das vierte Glas Wein als "ich brauch das jetzt einfach" deklariert wird.
Wie verbreitet das Problem in Deutschland ist
Die DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen) hat in ihrem Jahrbuch Sucht 2025 nachgerechnet, wie viele Menschen in Deutschland in Mengen trinken, die als riskant gelten: 8,6 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren konsumieren regelmäßig Alkohol in riskanten Größenordnungen, und 9,5 Millionen hatten in den letzten 30 Tagen mindestens eine Binge-Drinking-Episode mit fünf oder mehr Drinks an einem Abend.
Quelle: DHS Jahrbuch Sucht 2025, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, 2025 — https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/pressemitteilungen/DHS_Jahrbuch_Sucht_2025_PM_24.04.25.pdf
Wenn fast jede dritte erwachsene Person gelegentlich Binge-Phasen einlegt, ist Hangxiety am Sonntag eher Volkskrankheit Light als individuelles Versagen. Trotzdem redet niemand drüber, weil es sich von innen wie das Gegenteil anfühlt.
Was passiert, wenn du Hangxiety einfach abschaffst
Hier wird es spannend, weil die Veränderung schneller eintritt, als die meisten erwarten. Wer Alkohol einige Wochen weglässt (was im UK seit Jahren als "Dry January" und in DACH zunehmend als ganzjährige Praxis läuft), berichtet von ruhigeren Sonntagmorgen, einer stabileren Stimmungslage über die Woche und einem Schlaf, der sich endlich wie Erholung anfühlt. Klingt unspektakulär, ist im Alltag aber das Gegenteil. Du wachst auf, musst niemandem hinterher schreiben, was du gestern gemeint hast, und merkst plötzlich, wie viel Zeit am Wochenende übrig ist, wenn der halbe Sonntag nicht im Reparaturmodus draufgeht.
Sober Brunch Club ist genau für diesen Modus gemacht: ein Wochenende, das du in Erinnerung behalten willst, statt es am Montag un-/absichtlich zu vergessen. Wir treffen uns mit Menschen, die das gleiche entdeckt haben, und tauschen Mocktail-Rezepte aus, die alkoholische Drinks ersetzen und dabei Geschmack haben.
Keep slaying,
Sveni
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